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Kosztolányi Dezső

Keine Städte, die gegensätzlicher wären.

Von Dezső Kosztolányi

M an spricht über die Freundschaft zwischen Wien und Budapest? Ich kenne keine Städte, die gegensätzlicher wären. Sobald wir in Wien in die Straßenbahn steigen, erfahren wir, warum.

Diese Menschen sind naiv; die Frauen verträumt, die Männer blond und stupsnäsig. Ich kann diesem meinem Eindruck nicht entfliehen. Budapest ist eine schwarze Stadt. Wien ist blond. Hier entsteht in der Straßenbahn schon nach fünf Minuten eine Freundschaft zwischen mir und dem Wagon. Der Wiener ist liebenswürdig, aber ich, der Budapester, bekomme von dieser Liebenswürdigkeit Kopfschmerzen. Ich brauche jene Kühle, mit der die neu entstandene ungarische Hauptstadt meine Eigenständigkeit schützt und anderen verbietet, sich in meine Angelegenheiten einzumischen, mich zu verhören und ferner sich auch unbekannterweise an meinen Wirtshaustisch zu gesellen und mich dort zwischen Fleisch und Nudeln der Treue ihrer Freundschaft zu versichern. Ich kann mir nichts Entfernteres vorstellen als einen Durchschnittsbudapester und einen Durchschnittswiener.

Dabei sind unsere Straßen, Häuser und Bräuche Geschwister, unsere Speisen fast gleich, sogar unsere Armut ist uns gemeinsam, und vom Westen kommend spüren wir bereits hier, dass die Menschen sich schlecht kleiden, wir spüren im Zug den abgestandenen Geruch der dritten Klasse, auf den Straßen die Probleme der Verwaltung und die Unverschämtheit der Kutscher, die uns unser verschnörkeltes Elend in den Sinn ruft. Und doch sind sie anders und fremd. Als würden mich Tausende von Meilen von ihnen trennen, so wundere ich mich über sie. Eine psychologische Barriere erhebt sich zwischen uns. Vergeblich sind unsere Fabriken die gleichen, unser Geld, unsere Tarife, sogar unser Kuchen, welchen wir in den Kaffee bröseln. Die Menschen, die den Kuchen in den Kaffee bröseln, sind anders. Wien ist eine lyrische Stadt. Und Budapest ist alles andere, nur nicht lyrisch. Bei uns wurde das Lyrische auf dem Asphalt im Keim zertreten und mit dem Kehricht hinausgefegt. Wir sind ein wenig amerikanisch. Wir sind schnell gewachsen, ohne Tradition und verwahrlost, und wir haben eine große Portion Zynismus geschenkt bekommen, die ständig mit uns heranwächst. Doch dazu erhielten wir auch ein wenig Hochmut und reichlich kräftigenden Stolz. Das alte, warme und naive Wien kennt dies nicht. Diese Stadt mit ihren grünen Gärten und winters mit ihrem üppigen Weiß und ihren vertraulich verstreuten Lichtern schmachtet zum Himmel empor wie ein Seufzer.

In jedem Wiener wohnt ein wenig von einem Spießbürger inne, ein wenig von einem Günstling und von einem Lakaien. Im Budapester vielleicht ein vornehmer Herr und ein Schurke. Ich habe dem Wiener Volk bei einem Volksfest zugeschaut, wie es unter farbigen Transparenten die Gratis-Pastete in sich hineinstopfte, und der Herr gemeinsam mit dem „lieben Volk” das süße Wundergetränk trank, schaurig schön, wie der Schneider aus der Vorstadt mit der vornehmen Dame tanzte, gemütlich, sehr gemütlich.

Ich sah diesem Treiben zu, so befremdet, als sähe ich einem Freudenfest von Zulukaffern zu. So sehr ich auch meine Fantasie anstrengte, es gelang mir nicht, diese Festlichkeit über die Leitha zu versetzen.

Ich glaube kaum, dass der Budapester Beamte aus Ferencváros so hungrig auf das Gratis-Fleisch wäre wie der Wiener.

Da sah ich, dass uns Welten voneinander trennen. Unsere Politiker können vielleicht noch gute Freunde sein, aber diese beiden Städte nie. Freilich kann man aus solch kleinen Anzeichen keine Schlüsse ziehen, und die Schlüsse wären auch falsch, wenn dies nur Anzeichen wären und nicht das Resultat vieler zusammenwirkender Gründe, die in der Vergangenheit und dem Blut der beiden Völker wurzeln und den Charakter beider Städte prägen.

Die unsere ist eine kleine Großstadt. Die ihre ist eine große Kleinstadt. Sie sind die gut gekleideten Demokraten, die verwöhnten und verfetteten Kinder mit der üppigen Lyrik des Wohlstandes. Wir allesamt sind hingegen ungarische Aristokraten; ohne Lyrik. Eine billige und nicht ganz vornehme Lyrik schwebt über ihnen, gegenüber der unsere wortlose Gleichgültigkeit schöner und auch vielleicht nobler ist.

Diese Lyrik versinnbildlichen in prächtiger Weise jene zahlreichen Drehorgeln, die unaufhörlich in den Wiener Gassen weinen und jammern. Wir haben sie mit unseren Paragraphen schon längst zur Hölle geschickt. In Wien sind sie auch heute noch allgemeines Bedürfnis. Ihre Stadt ist nämlich die Stadt der Musik, wo es eine prunkvolle Oper gibt sowie Millionen von Konzerten und sogar die Hausmeisterstochter Strauss-Partituren spielt. Aber die Wiener Dame, die in der Oper eine Loge mietet, lauscht am Nachmittag im dämmernden Fenstererker einem Gassenhauer und weint sich aus vollem Herzen bei der Drehorgel aus, die – ach, Gott! – doch so sanft und traurig klingt.

Aus dem Ungarischen

von Júlia Wéber

 

Gekürzte Leseprobe aus:
Drei Raben – Zeitschrift für
ungarische Kultur, März 2004
(Thema: „Das ungarische Wien“),
140 Seiten, 1.400 Ft,
ISBN: 1586-8583, Bestellungen an
redaktion@haromhollo.de
oder an Albert Koncsek,
Pannónia u. 22 IV/4a,
1136 Budapest