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Farkas Kempelen und sein Schachautomat

 

27. September, 2004

Panorama

Größte Sensation des 18. Jahrhunderts wurde in Paderborn nachgebaut



Legendärer Schach spielender Türke verblüffte die Welt

1770 baute der ungarische Ingenieur Baron Wolfgang von Kempelen eine Schach spielende Maschine. Sie diente der Unterhaltung der Habsburger Kaiserin Maria Theresia. Der eigentümliche Apparat, der die Gestalt eines türkischen Mannes hatte, wurde zum berühmtesten Schachautomaten der Geschichte. Im April 2004 stellte das Heinz Nixdorf Museum in Paderborn eine erstaunliche Nachbildung des Türken her – 200 Jahre nach Kempelens Tod. Hunderte von Schachfans und neugierigen Zuschauern pilgerten am Tag der Präsentation nach Paderborn, um in die Zeit der Maria Theresia zurückversetzt zu werden.



1770 trat der Schach-Türke zum ersten Mal am Wiener Hof auf. Er bestand aus einem ein Meter hohen hölzernen Gehäuse, das mit einem großen Schachbrett versehen war. Die Schachmaschine stand auf vier Messingrollen, die es Ingenieur Kempelen nicht nur erlaubten, ihn frei zu bewegen, sondern ihn auch leicht vom Boden abzuheben, so dass die Zuschauermenge sehen konnte, dass sich darunter nichts befand. Hinter dem Kasten saß eine in orientalische Kleider gehüllte Figur mit einem bauschigen Turban. Kempelen öffnete eine Tür auf der linken Seite des Gehäuses, um den ausgeklügelten Mechanismus aus Zahnrädern und Federn zu enthüllen. Dann öffnete er eine dazugehörige Tür an der Hinterseite und hielt eine Kerze hoch, deren Licht durch das komplexe Innere flackerte.
Nachdem er die Tür wieder geschlossen hatte, startete er die Maschine indem er einen riesigen Schlüssel im Gehäuse umdrehte. Sofort kam Leben in die Gestalt, sie streckte ihren linken Arm nach vorn, um die Schachfiguren über das Brett zu bewegen. Die hinter dem Tisch stehende Figur war offensichtlich künstlich und scheinbar viel zu klein, als dass sich ein Mensch in ihr hätte verstecken können. Dennoch führte er Schachzüge mit mechanischer Präzision aus.
Kempelen nahm seine Erfindung mit auf eine Reise um die ganze Welt und löste energische Debatten darüber aus, bis zu welchem Grad Maschinen menschliche Fähigkeiten nachahmen oder gar ersetzen können. In Paris konnte der Türke sogar den amerikanischen Staatsmann, Wissenschaftler und Schachfanatiker Benjamin Franklin schlagen. Und auch gegen Francois-Andre Danican Philidor, den besten Spieler Europas, trat der Türke an. Obwohl er das Match verlor, wurde die Partie als großer Erfolg angesehen.
Aus heutiger Sicht ist es unvorstellbar, dass eine Maschine tatsächlich so gut Schach spielen konnte. Schließlich bedarf es inzwischen eines Supercomputers wie IBMs Deep Blue, um den Schachweltmeister Garry Kasparov zu besiegen. War der Schach-Türke wirklich ein echter Automat oder eher eine neuartige Vorrichtung, die von menschlicher, betrügerischer Hand kontrolliert wurde?
Nimmt man die Uhrwerks- und mechanischen Technologien des 18. Jahrhunderts, so scheint es heute unmöglich, dass jemand damals eine solch geniale Schachmaschine hätte bauen können. Aber zu dieser Zeit hatten Erfindungen von außergewöhnlicher Genialität und Einfallsreichtum in ganz Europa Konjunktur. Präsentiert wurde beispielsweise die mechanische Ente von Jacques de Vaucanson, der Cembalospieler von Henri-Louis Jaquet-Droz oder die Tanzende Frau von Joseph Merlin.
Nach Kempelens Tod im März 1804 kaufte der Ingenieur und Musiker John Nepomuk Mälzel den Schach-Türken, um mit seinen Vorstellungen Geld zu machen. Die bedeutendste Begegnung hatte der Türke 1809, als er Napoleon Bonaparte vorgeführt wurde. Dieser versuchte den Automaten durch absichtliche Mogelei und unerlaubte Züge auszutricksen, doch der Türke ließ sich nicht hereinlegen und fegte stattdessen die Figuren vom Brett. Napoleons Diener Louis-Constant Wairy schrieb darüber: „Der Kaiser war sehr beeindruckt.“ Mälzl brachte die Maschine auch nach Amerika, wo der Autor Edgar Allan Poe so fasziniert von dem Schach spielenden Apparat war, dass er eine ausführliche These mit seinen Theorien bezüglich der Funktionsweise veröffentlichte. „Wahrscheinlich hat keine Ausstellung bisher soviel Aufmerksamkeit angezogen wie der Schachspieler von Mälzl. Wo immer er besichtigt werden konnte, war er ein Objekt der Neugierde. Bis jetzt ist die Frage der Verfahrensweise ungeklärt“, schrieb Poe.
Das Geheimnis des Türken wurde schließlich im Januar 1857 in einem Bericht von Silas Mitchell gelüftet, dessen Vater Dr. John Mitchell den Automat nach dem Tod Mälzls 1838 erwarb, um seine eigene Neugierde zu befriedigen. Er entdecke, dass sich doch eine Person im Inneren des Gehäuses verstecken konnte. Die Uhrwerkmaschinerie, die auf der linken Seite sichtbar war, nahm nur ein Drittel der Länge des Gehäuses ein, so dass der versteckte Spieler dahinter verborgen blieb und dann für den Rest der Vorführung auf die andere Seite rutschen konnte. Der menschliche Schachzauberer spielte mit Hilfe des Lichts einer kleinen Kerze, deren Rauch durch eine Öffnung im Turban des Türken abziehen konnte. Der verborgene Spieler hatte ein zweites Schachbrett vor sich und bewegte einen Metallzeiger, der mit dem Arm des Türken über ein System aus Hebeln verbunden war, um die entsprechende Figur auf dem äußeren Brett zu bewegen. Ein geniales System aus Magneten half dem Spieler, die Züge des Kontrahenten zu verfolgen.
Kempelen bediente sich wahrscheinlich einer ganzen Reihe von Spielern bei diesem raffinierten Trick. Doch eins ist gewiss: Alle waren sie starke Spieler, die gegen einige der besten europäischen Schachmeister antraten und nur gegen die allerbesten verloren.
Nachdem das Geheimnis des Tricks einmal gelüftet war und Mitchell den Automaten an das Chinesische Museum in Philadelphia verkaufte, ebbte das Interesse schnell ab. Einige Jahre später wurde der Türke bei einem Feuer komplett zerstört. Die Rekonstruktion des Türken durch ein deutsches Museum zeigt jedoch, dass auch heute noch – 230 Jahre später – die Genialität des Schach spielenden Automaten die Macht zu bezaubern und zu faszinieren hat.

Lucy Mallows

Budapester Zeitung